Wenn die fluffig weißen Wolken ein Gewitter bringen.

Oft kann man so viel positiv denken wie man will, manchmal kommt so ein beknackter Moment, wo man einfach alles hinschmeißen will und man nichts sehnlicher wünscht als – Heilung.

Fotos bei Sabrina Stummer von frelichtmomente

Dieser Post brauchte nun gute 2 Jahre, sogar mehr als zwei Jahre. Warum der jetzt kommt? Keine Ahnung, wer fragt schon warum die Tomaten ausgerechnet rot sein müssen oder die Bananen gelb? Fakt ist, mir lag es sehr am Herzen, meine Gedanken, Gefühle und unser Erlebtes einfach mal auf schwarzen Buchstaben festzuhalten. Möglicherweise habe ich ein tiefes Inneres Bedürfnis vielleicht mit meinen Worten Anderen Mut zu machen und doch noch das Positive in einer recht bescheidenen Situation zu sehen.

‚… and so it is just like you said it would be
life goes easy on me
most of the time
and so it is the shorter story…

Damien Rice – The Blower’s Daughter

Bru̱·der, der

(Nomen)

Person männlichen Geschlechts im Verwandtschaftsverhältnis zu einer anderen, die von denselben Eltern abstammt, Mitmensch; jemand, mit dem sich jemand [freundschaftlich] verbunden fühlt

Gehen wir knapp über 2 Jahre zurück. Es war ein stinknormal fast schon langweiliger Mittwochabend, im Oktober 2016. Wie immer schrieb ich mit meinem Brüderchen. Man muss dazu sagen, er und ich waren seit Anbeginn sehr dick miteinander. Ich habe ihn, er war eher das Buddhawesen und ich der kleine Giftzwerg mit großem Mundwerk, verteidigt. Hab mich gerne mit größeren und stärkeren Personen angelegt. Lustigerweise dürfte ich wirklich furchteinflößend gewirkt haben, da ich nie eine drüber bekommen habe. Stoffi, eigentlich heißt er Stefan doch diesen Spitznamen wird er wohl nie loswerden, klingt doch niedlich, nahm mich ständig mit ob es eine Party war, reines Fortgehen oder zu einem Konzert. Dreamteam quasi. Tagtäglich bombardierte ich ihn mit Outfitfragen oder jammerte ihm von irgendwelchen Geschichten von Männern vor. Ja, leicht hatte es er sich nicht immer. So kam dieser eine Abend.

‚Du, hast du heute Abend mal Zeit? Ich muss dir da was erzählen…‘

Meine Gedanken schwirrten herum und ich reimte mir zusammen was die Neuigkeiten sein könnten. Schon ziemlich nervös und mit leichter Vorfreude malte ich mir aus, was denn nun kommen wird. Mein schönster Gedanke war mit Sicherheit der, dass ich nun endlich doch Tante werden könnte. So war ich wild hippelig und freute mich umso mehr, als mein Telefon klingelte. Wie jedes Mal quietschte ich ins Handy und labberte drauf los. Als ich mit Erschrecken erkannte, dass er nicht so freudig klang wie ich es mir ausgemalt habe. Seine leise Stimme sagte nur:

‚Versprich mir bitte, Schwesterherz, dass du nicht weinst, bitte…‘

Verwirrt bejahte ich und dann kamen die folgten Informationen nur mehr weitenfernt an mich ran. Er erklärte mir sachlich, dass durch eine Routineuntersuchung in seinem Gehirn etwas gefunden wurde. Solche Szenen kannte ich nur aus Filmen. Nie im Leben hatte ich gedacht, dass ich einmal in solch eine Situation kommen würde. Ein kleinlautes ‚Was?‘ kam aus mir und eine Mischung aus Angst und Schock mischten sich zusammen. Atmen erschien mir mehr als schwierig. Habe erst später bemerkt, dass ich zwischendurch generell auf Luft holen vergessen habe. Ich hörte seine Stimme. Doch begreifen konnte ich es noch immer nicht. So erging es mir auch Tage danach, ständig habe ich an den Moment gedacht als ich die Worte hörte und immer wieder begann ich zu weinen.

‚Und ich habe mich so gefreut!“ sagst du vorwurfsvoll, wenn dir eine Hoffnung zerstört wurde. Du hast dich gefreut – ist das nichts?‘

MariE von Ebner-Eschenbach

Er musste danach Untersuchungen machen lassen, bis sich rausstellte, dass es sich um einen Gehirntumor handelt. Alles auch zu dem Zeitpunkt kam mir vor, als würde aus irgendeiner Ecke so Clown von Moderator springen und laut rufen: ‚Haha, versteckte Kamera!‘. Manchmal, warte ich heute noch darauf. Da war sie nun die Diagnose. Mit der begann ein innerlicher Kampf mit mir selbst, den Sinn des Lebens und des Seins zu hinterfragen und vor allem dem leidigen positiven denken. Hier musste ich wirklich lernen Dinge von einer anderen Seite zu betrachten. Das kleine Teufelchen von Tumor nennt sich ‚Astrozytom‘. Er hat einen Namen und dadurch wurde es immer realer. So kam auch der Tag wo es bekannt wurde, dass eine OP ansteht. Allein an den Gedanken, dass jemand da im Hirn herumrührt, versetzt mich heute noch in Schaudern. Gruselig. Wenn auch ab und zu notwendig. Wir Alle, meine Eltern, Stoffi und ich blickten dieser OP ziemlich gut entgegen, wir hatten ja keine Ahnung was auf uns zukommen würde. Im Juli 2017 war es dann soweit. Die Wach-OP. Bis gegen Mittag war ich eher ruhig, doch je länger sich kein Arzt bei uns gemeldet hat, desto nervöser wurde ich. Als wir bis um 17 Uhr noch nichts wussten, verging mir vor allem der Appetit auf gefühlt alles. Ein Dahin-Zittern, das trifft es ganz gut. Um 20 Uhr herum bekamen wir die Nachricht, dass er auf der Intensivstation sei und wir am besten erst Morgen in besuchen sollten.

Man kann sich vorstellen wie ich in dieser Nacht geschlafen habe? Wenig und beschissen. Wir sind ja so eine Familie die in den meist traurigsten oder ernstesten Situationen Witze reißen können. So kam es auch, dass wir scherzhaft vor der OP meinten, dass mein Brüderchen nach der OP wahrscheinlich Mandarin reden wird. Ja das Lachen verging mir als mir der Arzt am Telefon erzählte, dass Stefan irgendwie nur undeutliches Englisch von sich gibt. Okay… war mein erster Gedanke und der nächste, dass wir vielleicht weniger blöde Scherze machen sollten. Tun wir nicht, gefühlt machen wir noch viel mehr als zuvor.

‚Auch die dunkelste Wolke
hat einen silbernen Rand.‘

Fakt war, ich hatte fürchterliche Angst als ich das Zimmer in der Intensivstation betreten habe. Ich meine, er hätte niemanden erkennen können. Davor hatte ich richtig Bammel. Dem war Gott sei Dank, ja nicht so. Doch der Stefan dem ich gestern noch das Allerbeste gewünscht habe und den wir im Krankenhauszimmer zurück gelassen haben, der lag nun nicht mehr vor uns. Ich sagte mir immer, es hätte noch viel schlimmer kommen können, er hätte seine Augen für immer schließen können. Das stimmt und das weiß ich heute auch und dafür bin ich so unendlich dankbar. Wie nahe Leben und Tod nun beieinander liegen können, ist mir seid dem bewusst. Vielleicht bin ich durch diese Erfahrung und dieses Erlebte auch gewachsen an Reife und Verständnis und vor allem an Geduld. Bin ich mir sogar sicher. Auch was es bedeutet wenn der Körper selbst einfach mal nicht mehr kann und eine Pause braucht und gemeinsame Zeit nicht nachzuholen ist und so kostbar. Kostbar wie eine Zuckerwatte, schleckt man einmal leicht mit der Zunge ran ist es ja auch schon wieder fort.

Selbst wenn ich das alles Erkennen und Erleben musste oder durfte, Ansichtssache. So war die Zeit hart und wild und weit weg von schön. Ein 3monatiger Frühreha-Aufenthalt half ihm immens wieder fitter zu werden und danach kam nochmal Reha dran. Ich kann leider nicht beschreiben wie es ihm dabei ging und werde es auch nie verstehen, doch ich kann nur aus meiner Sicht, als Schwester, schreiben. Noch nie habe ich solch Sorgen und Angst versprüht wie in dieser Zeit. Die Tatsache, dass nach wie vor dieser beknackte Tumor in seinem Gehirn sich Platz schafft und der Umstand, dass wenn nicht ein Wunder geschieht und das hoffentlich bald, eine weitere OP ansteht hat mir gegen Anfang des Jahres die Motivation für meine Kunst genommen. Ich brauchte mal eine Zeit um das alles zu verdauen. Wo wir wieder beim positiven Denken sind. Genau da musste ich mich wieder dazu aufraffen und erinnern, dass ich es machen darf. Doch noch einen Funken Hoffnung zu sehen und zu Glauben. Glauben an etwas Wunderbares. Vielleicht Magisches.

Daran halte ich so lange fest, bis es geschieht. Schließlich ist mein Wunsch die beste Tante überhaupt zu werden nach wie vor präsent und ich halte daran fest, dass das noch kommen wird. Liebe versetzt ja Berge, wehe einer schreit nun, dass das eigentlich der Glaube ist. Ich glaube an die Liebe. Geschwisterliebe.

Ich hab dich lieb, Bruderherz.

So, nun kennt ihr auch diese Geschichte, die ich nie laut erzählt habe. Nur im Verborgenen und im engsten Kreis. Wohl behütet wie so ein zerbrechliches Ei. Es ist mir nach wie vor wichtig und heilig, da es ein Thema ist, dass doch intim ist. Doch mein Liebster sagt immer so schön, wenn du es nieder schreibst geht es dir besser, du wirst sehen. Meine Zuversicht, dass da draußen nun die ein oder der anderen das hier liest und das Gleiche oder Ähnliches erleben musste, keiner ist alleine. Wir sind alle Menschen. Mit kleinen Rucksäcken oder mit einem ganzen Arsenal. Doch niemand ist alleine. Auf das Beste und die Hoffnung. Mögen sie uns alle beflügeln.

Mag euch ziemlich gerne,

Eure,

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2 comments

  1. Vielen Dank für den aufgebrachten Mut deine Version des Erlebnisses mit uns so öffentlich zu teilen!
    Diesen Rat bekomme ich auch immer wieder und muss feststellen, das etwas aufschreiben einfach unglaublich gut tut und auch beim aufarbeiten hilft.

    Alles Liebe!

    1. Liebe Selina,

      Ich danke dir soooo so sehr für deine süßen und lieben Worte!
      Aufschreiben ist eine Überwindung, doch Wirkich sehr hilfreich!

      Viele viele liebe Grüße an dich,
      Anna

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